Mut zur Lücke – eine Ode an den Schlendrian

Von diesem Buch habe ich mich gleichermaßen ertappt, verstanden und herrlich unterhalten gefühlt! In „Mut zur Lücke, liebe Eltern!“ beschreibt Silia Wiebe, warum wir Mamas und Papas von heute viel zu streng mit uns sind. Wie wir am besten damit aufhören können, hat sie mir im Interview verraten.

Das Frühstücksgeschirr muss noch rasch in die Spülmaschine und das Obst für die Pause gewaschen werden, über den selbstgebackenen Kuchen für’s Kitafest schnell noch ein bisschen Puderzucker, aber jetzt huschhusch, sonst sind die Kleinen nicht rechtzeitig im Kindergarten, bevor im Büro das Jour fixe beginnt… Wir Eltern von heute sind irre engagiert – aber dafür auch ganz schön unter Strom. In ihrem amüsant-lehhreichen Buch „Mut zur Lücke, liebe Eltern!“ beschreibt die freie Journalistin Silia Wiebe (Foto unten), wie wir aus dieser Perfektionsspirale wieder hinaus finden. Und zwar in allen möglichen Bereichen: beim Fördern, beim Anziehen, bei der Vereinbarkeit von Job und Kids, beim Sex oder im Urlaub. Weil weniger eben doch oft so viel mehr ist.

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Silia, wann hast Du Dich das letzte Mal komplett überfordert gefühlt und was hast Du dann gemacht?

Meine größten Stressmomente habe ich regelmäßig zur Abendbrotzeit. Dann ist meine Batterie einfach leer nach einem Tag am Schreibtisch. Zwischendrin war ich oft noch einkaufen, habe gekocht, vielleicht ein reingequetschter Arzttermin oder Logopädie und um mein Kind gekümmert habe ich mich natürlich auch. Dann wollen wir essen, ich bin schon am Limit und danach wartet noch der Abwasch. Ich überlege, ob ich schnell noch Gurken und Karotten für die Vitamineinheit der Familie schnibble und das Badewasser für meinen Sohn einlasse. Aber dann mache ich etwas ganz anderes. Ich frage meinen Mann, ob es okay ist, wenn ich mal kurz joggen gehe. Rausziehen, durchatmen, Pause machen.

Waren unsere eigenen Eltern gnädiger mit sich?

Ja. Und ich vermute, unsere Eltern haben sich nicht so eine Birne gemacht, aus welchem Land die Gurke kommt, die wir abends unseren Kindern anbieten und wie gesund sie überhaupt ist. Viele kamen noch mit einem Einkommen aus, das entschärfte den Stresspegel zu Hause. Sie waren nicht ständig digital erreichbar und fanden es völlig okay, das Baby auch mal brüllen zu lassen. Das kräftigt die Lungen, hieß es dann. Zum Glück machen wir das anders. Wir tragen unser weinendes Kind bereitwillig durch die Nacht, egal wie fertig wir sind. Wir wollen, dass es später die ganze Palette seiner Gefühle, also auch seine Wut, ausleben kann. Das ist gut, zerrt aber an unseren Nerven. Manchmal übertreiben wir es aber mit unserer Bemutterung, dem Bedürfnis alle glücklich zu machen und unserem Förderanspruch ein bisschen. Wir wollen Supermama und Megadaddy sein. Kein Bio-Laden ist uns zu weit, kein Indoorspielplatz zu kreischig, keine Geburtstagstorte zu aufwendig für unsere Lieblinge. Wir wollen die pädagogisch wertvollste Kita, die lehrreichste Englischlern-App und die Impfung ohne Nebenwirkungen. Zusammengefasst: Wir wollen ein bisschen viel auf einmal.

Wie bist Du auf die Idee zu Deinem Buch gekommen?

Ich schrieb für die Zeitschrift ELTERN eine Titelgeschichte mit Tipps, wie Mütter und Väter ihr Leben entrümpeln können und wie sie sich von ihren übertrieben perfektionistischen Ansprüchen an sich selbst befreien. Die Kernaussage war: Schluss mit dem Druck, wenn dein Kind länger eine Windel braucht als das Nachbarskind oder wenn die Süßkartoffeln aus der ambitionierten Bio-Kiste schon wieder vergammelt sind, weil du nicht täglich zum Kochen kommst. Der Kösel-Verlag fand die Geschichte gut und fragte mich, ob ich ein Buch daraus machen möchte. Und dazu hatte ich Lust.

Welcher ist Dein Lieblings-Tipp aus dem Buch?

Vergleicht euch nicht ständig mit anderen! Steigt aus der Mutti-Olympiade aus. Es gibt immer Kinder, die das Köpfchen noch früher von selbst halten und noch früher schwimmen können. Und die schon in der Kita Englisch lernen. Und mit sieben nicht mehr nachts ins Elternbett kriechen. Mir ist inzwischen egal, wie es die anderen machen. Super fände ich, wenn mein Sohn später sagt, dass Mama und Papa ihn immer unfassbar lieb hatten. Und wenn er mal anständig mit Messer und Gabel umgehen kann, lieb ist zu seinen Freunden und zwischen all den Nudeln und Pfannkuchen mal ein Stück Paprika isst. Das ist doch schon eine Menge.

Wie kann man locker lassen üben?

Indem man sich bewusst sagt: Heute ignoriere ich mal die Erbse unter dem Esstisch, den kleinen Fleck auf dem Babybody und heute ist auch mal die Tiefkühlpizza okay. Runter mit den übertriebenen Ansprüchen. Der Plan „Heute schaffe ich viel weg, dann ist morgen mal gar nichts“ geht nicht auf. Weil man an einem Tag die Gardinen gewaschen und die längst fällige Mail an den Chef zwecks Beförderung geschrieben hat, bei Ikea war, die Freundin mit Liebeskummer gerettet hat, dann ist noch lange nicht zwei Wochen Entspannung angesagt. Der nächste Tag füllt sich sofort wieder mit neuen Pflichten. Dieses Höher, Schneller, Weiter funktioniert einfach nicht.

In welchen Bereichen fällt es Dir selbst am schwersten, Dich von Deinen Idealen zu verabschieden?

Ich möchte nicht, dass mein Sohn fernsieht. Ich bin ein absoluter Medienkonsumkritiker bei Kindern. Aber manchmal muss ich, zum Beispiel während der Ferien, ein Interview in Ruhe führen und kann meinen Sohn weder zu den Nachbarn, noch zu Oma und Opa schicken und manchmal kann er sich zu Hause auch beim besten Willen nicht mehr allein beschäftigen. Dann schalte ich die Glotze an und bin unzufrieden, weil ich keine bessere Lösung gefunden habe. Ich sage mir dann: Mach dich locker, er bekommt keinen seelischen Schaden, weil er jetzt mal am Vormittag anderthalb Stunden einen Kinderfilm schaut.

Eine Mama kurz vor dem Nervenzusammenbruch, aber mit kilometerlanger To-Do-Liste – was sollte die erst mal tun?

Die To-Do-Liste zerknüddeln und in die Tonne werfen. Und sich klar machen, dass niemandem geholfen ist, wenn die Tiefkühltruhe planmäßig abgetaut ist, der Teppich gesaugt, das Kind pünktlich zum Kindergeburtstag gebracht, die Leihbücher ohne Mahngebühren zurück in der Bücherhalle sind, aber die Mama liegt heulend auf dem Sofa. Ich kann nicht beurteilen, für welche Mutter welche Pflicht gerade Priorität hat und es gibt natürlich Dinge, die einfach erledigt werden müssen. Aber vieles, was wir uns auf die inneren Listen schreiben, ist eben nicht ganz so wichtig wie die Gesundheit der Mama. Denn die leistet in der Regel am allermeisten und alles gleichzeitig. Deshalb braucht sie Pausen. Mut zur Lücke!

„Mut zur Lücke, liebe Eltern“ von Silia Wiebe, Kösel Verlag, 12,99 Euro

Ein Exemplar des Buches gibt es hier zu gewinnen – die Teilnahmebedingungen

„Mehr Mut zur Lücke, liebe Eltern!“ gibt es diese Woche hier auf dem Blog einmal zu gewinnen. Wenn Ihr am Gewinnspiel teilnehmen wollt, hinterlasst einen Kommentar unter diesem Artikel und folgt Mutti so yeah auf Facebook oder Instagram (wenn Ihr das sowieso schon macht, dürft Ihr natürlich auch mitmachen). Teilnahmeberechtigt sind alle volljährigen Personen mit Wohnsitz in Deutschland außer Mitarbeiter der beteiligten Firmen und deren Angehörigen. Unter allen Kommentaren wird der Gewinner/ die Gewinnerin durch das Los ermittelt und anschließend benachrichtigt. Er/ sie erklärt sich mit der Veröffentlichung seines/ ihres Namens einverstanden. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Eine Barauszahlung des Gewinnwertes ist nicht möglich. Teilnahmeschluss ist der 9.9.2016, 24 Uhr.

 


Foto (2): Silia Wiebe

 

18 Kommentare
  • Petra
    September 4, 2016

    Ich wünschte ich könnte öfter auch alle Fünfe gerade sein lassen! Vielleicht hilft ja das Buch dabei…

  • Judith
    September 4, 2016

    Hallo Mareike,
    oh man, das klingt nach einem richtig guten Buch, dass mir helfen könnte, etwas zu entschleunigen.

  • Britta
    September 4, 2016

    Ha, ertappt! Das mit dem Vor-Arbeiten für einen entspannten nächsten Tag… Das hat erst letzte Woche mal wieder nicht geklappt. Und das, obwohl ich mich da doch eigentlich mal einen halben Tag selber feiern wollte, weil ich 10 Jahre zuvor so ein wunderbar super süßes Mädchen auf die Welt gebracht hatte 🙂
    Nächstes Mal vielleicht andersrum?

  • Nicole
    September 4, 2016

    Hallo! Das klingt echt nach einem spannenden Buch. Könnte ich mir manchmal was abschauen.

  • Katharina
    September 4, 2016

    Das klingt interessant. Und die Vorstellung mal wieder ein Buch zu lesen, ist auch ganz schön 😉

  • Joanna
    September 4, 2016

    Das Buch brauch ich unbedingt! Klingt nach sehr viel Unterhaltung!! ❤️

  • Tina Karneim
    September 5, 2016

    Silia bringt es auf den Punkt!! Darüber will ich unbedingt mehr wissen… fühle mich nämlich gerade ertappt ;))

  • Julia
    September 5, 2016

    Das Buch klingt so, als wäre es extra für mich geschrieben worden 🙂 Wie oft versuche ich alles perfekt zu machen nur um danach um so gründlicher zu scheitern. Als Mama habe ich nun schon öfter lernen müssen, dass es einfach nicht immer möglich ist, alles zu schaffen. Wie kann so ein kleiner Mensch nur so gründlich alles im Leben durcheinander bringen?

  • Veronika
    September 5, 2016

    Das wäre was für mich! Meine „ewige To-Do-Liste“ mit Dingen wie Gardinen waschen und Kleidung ausbessern wird nie kürzer, weil die aktuellen To Do’s wie Einkaufen und Saugen immer schon alle Zeit beanspruchen ;-(. Und welchen Punkt lasse ich _immer_ als erstes weg, wenn die Zeit knapp wird!? Die für meine Kaffeepause, meinen Mittagssnack oder mal 20 Minuten die Füße hochlegen! Das muss anders werden…

  • Nikola
    September 5, 2016

    Klingt nach einem guten Buch 🙂

  • Linda
    September 5, 2016

    Woher kennt diese Frau mein Leben? Scary! 😉

  • Sabrina Graf
    September 5, 2016

    Wow!
    Endlich einmal jemand der die Sache auf den Punkt bringt! Ich bin begeistert & hoffe viele Mamis haben diesen Mut zur Lücke!!!
    Liebe Grüße Sabrina

  • Julia
    September 5, 2016

    To Do-Liste wegwerfen? Klingt sehr verlockend 😉

    Wettstreit mit den Super-Muttis zu ignorieren, fällt nicht immer leicht!

    Ich würde mich sehr über das Buch freuen 🙂

  • Kerstin Winkler
    September 6, 2016

    …dieses Buch brauche ich unbedingt! Steht ganz oben auf der Todo-Liste

  • Jennifer Plath
    September 6, 2016

    Das Buch kommt zum Abarbeiten auf meine Liste 😉
    Im Ernst, Müßiggang ist ein Zustand den einige Kulturen früher kannten, wir aber leider nicht mehr. Wie auch immer man es nennt: Schlendrian, Mut zur Lücke, 5e grade sein lassen…wir haben es nicht mehr drauf, alles zieht und zerrt an einem. Vorallem an den Nerven. Auch ich versuche mich tagein tagaus dagegen zu wehren und brauche noch mehr Tipps. Ich möchte gewinnen, unbedingt.

  • Rita Schmitz
    September 6, 2016

    Oooooooohhhh wie toll 🙂 🙂 🙂

    Ich würde mich riesig über dieses Buch freuen!!!

  • Thu
    September 6, 2016

    Was für eine super Idee für ein Buch

  • Mareike
    September 10, 2016

    Es ist gelost! Gewonnen hat: Veronika! Ich schreib Dir gleich eine Mail, liebe Veronika – allen anderen vielen Dank für’s Mitmachen und ein Rest-Wochenende ohne To-Do-Listen;-)